Wer ist Ausländer? – Bis auf einen Platz für mein Grab verlange ich nichts

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Die Wahl zum Stadtrat brachte für You Xie viel Glück und Freude mit sich. Dennoch – oder gerade deswegen – denkt er nun aber auch verstärkt über seine Rolle als Deutscher und als Bamberger nach. Ist er ein Bamberger oder nicht?

Nein, sagt er, noch nicht. Nur in Bamberg wohnen reicht nicht. Ein Gastbeitrag des neuen Stadtrates, Germanisten, Immbisbudenbesitzers, Kommunikationswissenschaftelers, Literaten, Philosophen und nicht zuletzt Menschen You Xie.

 

Ich bin mit leeren Händen gekommen und habe jetzt fast alles. Ich beanspruche nichts von meiner neuen Heimat, nur einen Platz für mein Grab wenn ich in Bamberg sterbe.

 

You Xie Bamberg
Ehefrau: Shenhua Xie-Zhang Dozentin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sohn: Edwar Xie PhD Student an der TU München. Quantum information processing arbeitet beim Walther-Meißner-Institut (WMI), Bayerische Akademie der Wissenschaften.

In der Süddeutschen Zeitung fand ich am 19. März 2014 ein Artikel ,,Stadtrat mit chinesischen Wurzeln – Der Glückskeks“ von Katja Auer. Ich habe online eine Lesermeinung gelesen, die mich nachdenklich stimmte. Es war: Don Loewi 19.3.2014 | 15:48 Uhr ,,Ich bin schon froh, dass ich als Ausländer in der CSU und im Stadtrat bin”, sagt er.

Soweit hat man es in Deutschland gebracht, dass sich Staatsbürger weiterhin als “Ausländer” definieren. Kein Wunder, wo wir doch so perfekt im Kategorisieren und Erfinden von Ausgrenzungsterminologie wie “Migranten”, “Zugewanderte” und “Migrationshintergrund” sind. Und die “Rechtspupulisten” betonen ja auch leiernd immer wieder, dass diese Leute ja “nur den deutschen Pass besitzen” und “keine echten Deutschen” seien. Wir grenzen alle neuen Bürger aus und indoktrinieren sie, auch ja nie zu vergessen, dass sie in Wirklichkeit nicht zu uns gehören. Da helfen weder CSU-Pass noch Stadtratsposten.

Nachdem ich den Kommentar gelesen habe, denke ich nach: Wer ist „Wir“? Wer ist Ausländer? Warum gehören sie in Wirklichkeit nicht zu den ,,normalen” Deutschen? Wie könnten sie zu den Deutschen gehören?

 

Chinesisches Träumen in Bamberg

Aber ich denke nie gedacht zu haben, denn mein Denken der Gedanken ist doch gedankenloses Denken. Ein Wahlkampfspruch von mir lautet: „Ich bin ein Bamberger!“ Ich kann doch zwischen Wahlkampf und Wirklichkeit sehr gut unterscheiden: Aber natürlich bin ich kein Bamberger. Ich versuche einer zu werden. Die Bamberger zu kennen und zu verstehen ist nicht so einfach, 26 Jahre sind dafür einfach zu wenig. Das braucht drei Generationen. Meine Enkelkinder würden – sofern in Bamberg geboren und aufgewachsen – als echte Bamberger durchgehen.
Ein Kommunikationswissenschaftler versteht den Spruch sofort, wenn er ihn gelesen hat. Natürlich ist You Xie kein Bamberger, der versucht immer noch ein Bamberger zu werden, oder als Bamberger anerkannt zu werden.

Es ist klar, ich bin kein alteingesessener Bamberger. Und wer ist ein altangesessener oder ein altansässiger Bamberger? Laut meiner kulturellen Beobachtung ist jemand ein Bamberger, wenn er seit drei Generationen in Bamberg lebt, nämlich schon sein Großvater in Bamberg geboren wurde und seine Familie noch immer in Bamberg lebt.
Ich (You Xie) bin ein Ausländer, denn ich denke und träume noch chinesisch. Mein Sohn Edwar ist in Bamberg geboren und aufgewachsen, er ist ein Halbausländer, denn er denkt deutsch, aber er träumt chinesisch. Mein Enkel sollte deutsch sein, also könnte er „zu uns gehören“, denn er denkt und träumt deutsch.

Und wie kann ich ein Bamberger werden, oder als Bamberger anerkannt werden? Konfuzius sagt: „rù ɡuó wèn jìn, rù xiānɡ suí sú“ (入国问禁, 入乡随俗。) Es gibt eine schlechte englische Übersetzung: „When in Rome do as the Romans do.“ Als chinesischer Germanist interpretiere ich den Satz so: Unbedingt die Gesetze und Vorschriften in deinem neuen Land einhalten; unbedingt die Sitten und Bräuche in deiner neuen Gemeinde beachten.

 

In Bamberg ewig ruhen

Als evangelischer Christ und eingebürgerter Deutscher denke ich sofort an „Der Christ und die staatliche Ordnung“ (Römer 13, 1-7), wenn ich den Spruch von Konfuzius lese.

  1. Jeder soll sich den bestehenden staatlichen Gewalten unterordnen. Denn es gibt keine Autorität, die nicht von Gott kommt. Jede staatliche Autorität ist von Gott eingesetzt.
  2. Wer sich also den Behörden widersetzt, handelt gegen die von Gott eingesetzte Ordnung und wird dafür von ihm bestraft werden.
  3. Wer gut und richtig handelt, braucht die Autorität des Staates ohnehin nicht zu fürchten; das muss nur, wer gegen das Recht verstösst. Wollt ihr also ohne Angst vor Bestrafung leben, dann haltet euch an die Gesetze. Euer gutes Verhalten wird Anerkennung finden.
  4. Die öffentliche Gewalt steht im Dienst Gottes zum Nutzen jedes einzelnen. Wer aber Unrecht tut, muss sie fürchten, denn Gott hat ihr nicht ohne Grund die Macht übertragen, Strafen zu verhängen. Sie handelt im Auftrag Gottes, wenn sie Gesetzesbrecher verfolgt und bestraft.
  5. Es sind also zwei Gründe, weshalb sich Christen den staatlichen Organen unterordnen müssen: zum einen ist es der drohende Zorn Gottes, zum anderen aber auch unser Gewissen, das uns sonst vor Gott anklagen würde.
  6. Und weil die Beamten als Beauftragte des Staates ihren Dienst im Auftrag Gottes ausüben, zahlt ihr ja auch Steuern.
  7. Gebt also jedem, was ihr ihm schuldig seid. Zahlt die Steuern, die man von euch verlangt, ebenso den Zoll. Unterstellt euch der Autorität des Staates, und erweist denen, die Anspruch darauf haben, den notwendigen Respekt.

Ich bin ein Ausländer. Aber „Der Christ und die staatliche Ordnung“ und „rù ɡuó wèn jìn, rù xiānɡ suí sú“ helfen mir dabei, ein Bamberger zu werden. Ich bin mit leeren Händen gekommen und habe jetzt fast alles.

Ich beanspruche nichts von meiner neuen Heimat, nur einen Platz für mein Grab wenn ich in Bamberg sterbe.

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